Fama geistert wieder durch die Medien

Nach einer Woche intensivster Ausbildung hatte ich gestern/heute endlich Zeit, den Informationsstau in meinen RSS-Feeds, etc. abzubauen. Gefunden habe ich unter anderem auch ein Editorial des Chefredakteurs eines österreichischen „Computermagazins”. Auf Basis eines „Berichts” eines Lesers über einen nicht näher spezifizierten „IT-Mitarbeiter eines großen internationalen Konzerns” (im ersten Posting des Lesers war es noch ein „Mitarbeiter von uns” – soviel zur „guten” Quelle) lässt sich besagter Chefredakteur über die Einreiseformalitäten der USA aus. Ich stimme mit ihm überein, dass diese ziemlich schwachsinnig sind, aber leider hat er anscheinend vergessen, zusätzlich zu dem „Bericht” des Lesers auch ein wenig zu recherchieren. Auslöser für die Diskussion rund um die US-Einreisepolitik war der Artikel „Mit Notebook an der US-Grenze: kein Recht auf Privatsphäre” vom 7.11.2006 auf ZDNet, der – soweit ich das beurteilen kann – seinen Ursprung in einer Aussendung von Ultimaco (einem Hersteller von Lösungen für Datensicherheit in Unternehmen und Behörden) vom 27.10.2006 hatte. Basis für die Aufregung dürfte eine Aussendung der Association of Corporate Travel Executives (ACTE) vom 23.10.2006 sein, in der angeführt wird, dass die U.S. Behörden bei der Ein- und Ausreise alle Geräte eines Reisenden überprüfen und sogar konfiszieren dürfen. Von den 2.500 ACTE Mitgliedern (Business-Vielflieger und Vertreter der Reisebranche) haben EIN PROZENT (also 25 Personen) bei einer INFORMELLEN Umfrage angegeben, dass ihr eigener Laptop bzw. der Laptop einer Person die sie kennen, konfisziert wurde. Also ich bin ja nicht der große Statistik-Freak, aber aus dem Bauch heraus würde ich mal sagen, dass dies keine signifikante Aussage ist. Die Kollegen der New York Times formulieren das so:

… much of the evidence for the confiscations remains anecdotal …
Auch wenn die US Zollbehörden prinzipiell keinen „hinreichenden Verdacht” benötigen, um einmal einen Blick auf die Pornosammlung in einem Laptop zu werfen, so kann man diese genau Untersuchung IMHO trotzdem ablehnen. Ein Gericht in Kalifornien hat zu diesem Thema laut NYT entschieden, dass „der korrekte Standard verlangt, dass die Durchsuchung der persönlichen elektronischen Geräte zumindest auf der Basis eines begründeten Verdachts zu geschehen hat” – schön, wenn das im „land of the free” wieder die Regel werden würde. Die NYT gibt in einem anderen Artikel den Tipp, Dateien und Ordner auf „unauffällige Namen umzubenennen. Englische Ordnernamen wie „Blueprints” oder „Mid-Air Collision - Cause” sollte man vermeiden. Oder die Daten gleich auf eine externe Festplatte oder USB-Stick auslagern. Inzwischen arbeitet die ACTE laut NYT auch daran, dass die US-Regierung klare Regeln und Informationen zu den Durchsuchungen und Konfiszierungen sowie für den Umgang mit den daraus gewonnenen Daten publiziert. Mal schauen, was dabei raus kommt. „Amüsant” ist, dass die verschärften Kontrollen an den US-Grenzen dem US-Tourismus schaden, wie die ACTE in ihrem „Traveller Security Advisory Committee White Paper” anführt. Dort wird der ein Bericht des U.S. Travel and Tourism Advisory Board (TTAB) mit dem Titel „Restoring America’s Travel Brand: A National Strategy to Compete for International Visitors” zitiert. In dem ACTE-Whitepaper heißt es:
There is also evidence that visitors are voting with their feet. America’s share of the global travel market has fallen 35 per cent over the past 16 years. These figures pertain principally to leisure travel but the ACTE survey suggests there is a problem in business travel too. Forty-three per cent of the travel buyer respondents said heightened security and immigration controls have deterred their travellers from visiting the US.
Leider ist es so, dass man für bestimmte Infos und Konferenzen in die USA muss, auch wenn man nicht will. Ansonsten würde ich die „US of A” ebenfalls mit meiner Abwesenheit für ihre absolut schwachsinnigen Ein- und Ausreisebestimmungen „bestrafen”. Und um nochmal zu dem auslösenden Editorial zurück zu kommen: „hervorragend” ist das keineswegs, sondern vielmehr eine durch mangelhafte Recherche leider verpasste Geschichte. Weniger Fama und mehr Fakten und es hätte aus dem Rant/Editorial eine gute Meldung werden können.

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[Sonntag, 20061203, 12:52 | permanent link | 0 Kommentar(e)

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